Sechs Prozent der Österreicher nutzen Digitalwährungen, Tendenz steigend

27.08.2017

40 Prozent wollen künftig mit Kryptowährungen zahlen, erhob eine Umfrage. Angst vor Hackerangriffen und hohe Volatilität bremsen die Euphorie


Mehr als die Hälfte der Österreicher sind Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum ein Begriff. Zwölf Prozent meinen, darüber recht gut Bescheid zu wissen. Und fast sechs Prozent haben diese bereits selbst genutzt. Lediglich rund ein Viertel kann mit Digitalwährungen nichts anfangen.

Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von Marketagent im Auftrag des Handelsverbands, die dem STANDARD vorliegt. Der Marktforscher befragte dafür im Juli und August 500 Konsumenten, die regelmäßig online aktiv sind.

Gut 47 Prozent der Studienteilnehmer sind überzeugt, dass digitale Zahlungsmittel im Handel an Bedeutung gewinnen werden. 40 Prozent können sich auch vorstellen, selbst davon Gebrauch zu machen. Realistisch scheint dies den Befragten vor allem bei Einkäufen in großen Webshops wie Amazon.

Rund ein Viertel könnte sich damit auch bei Downloads von Musik und Videos oder bei Verkaufsplattformen wie Ebay und Willhaben anfreunden. Ein Fünftel zeigt sich gewillt, digitale Währungen künftig bei kleineren Onlineshops und für Überweisungen ins Ausland zu nutzen. Unter dem Strich wiegen große Skepsis und Vorbehalte die wachsende Euphorie für die neue Technologie aber nahezu auf. Denn fast die Hälfte der Befragten hat Sicherheitsbedenken.

Lieber reale Ansprechpartner

Für gut ein Drittel machen hohe Kursschwankungen das virtuelle Geld zu riskant. Ebenso viele ziehen persönliche Ansprechpartner vor, sollte es Probleme bei Zahlungen geben. Und für 37 Prozent bleiben rein digitale Zahlungsmittel generell suspekt.

13 Prozent sind freilich überzeugt, dass Kryptowährungen klassische Banken bald überflüssig machen. Und doppelt so viele begrüßen es, dass Geldinstitute keinen Zugriff auf diese Zahlungsmittel haben.

Bitcoin erlebte dieser Tage einen neuen Höhenflug. Die alternative Währung sprengte auf Handelsplattformen erstmals in ihrer zehnjährigen Geschichte die Marke von 4200 Dollar. Allein seit Jahresbeginn hat sich ihr Kurs damit vervierfacht. 2009 war ein Bitcoin gerade einmal ein paar Cent wert.

Revolution und Risiken

Bitcoins werden wie viele andere digitale Zahlungsmittel im Web abseits jeder Aufsicht durch Staaten oder Banken von Nutzern erschaffen, kontrolliert und auf Onlineplattformen gegen klassische Währungen gehandelt. Grundlage dafür ist die Blockchain-Technologie: eine große Datenbank, die dezentral auf viele Rechner verteilt ist. Jeder Teilnehmer hat die gleichen Zugriffsrechte, was Fälschungen und nachträgliche Manipulationen verhindern soll.

Die einen sehen darin die Entwicklung einer weltweiten Reservewährung und eine Revolution der gesamten Finanzwelt. Andere warnen vor enormen Risiken. Sie reichen von hoher Volatilität bis hin zur Gefahr irreversibler Verluste. Und immer wieder gerät die intransparente, sich jeder öffentlichen Kontrolle entziehende Währung, mit der sich globale Geschäfte rasch, anonym abwickeln lassen, im Zuge krimineller Machenschaften wie Geldwäsche in die Schlagzeilen. In Österreich warnten jüngst Notenbank und Finanzmarktaufsicht vor "hochspekulativen" Investments in Bitcoins.

Aus Sicht von Rainer Will, Chef des Handelsverbands, ist es für Österreichs Händler hoch an der Zeit, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Er bezeichnet Blockchain als eine der größten Innovationen seit Erfindung des Internets. "Mehr als 70 Großbanken arbeiten dafür bereits an technischen Standards und konkreten Anwendungsfällen."

Regulierung gefragt

Will feilt mit anderen Experten an einer Regulierung der Technologie in Österreich, die, wie er meint, nicht mehr nur wenige IT-Nerds anziehe, sondern längst in der breiten Masse angekommen sei. Ziel sei die gesetzliche Verankerung eines neuen, begleitenden Konzessionierungsverfahrens bei der Finanzmarktaufsicht. Es brauche auch eine Legaldefinition des Begriffs "virtuelle Währung", eine Forschungsplattform dafür, ebenso entsprechende Aufklärung von Unternehmen und Konsumenten. Basis dafür werde die sogenannte Blockchain Austria Roadmap.

In Österreich wird derzeit zwar mit Bitcoins gehandelt - Einzug in den Einzelhandel hielten sie bisher kaum. Unter den raren Ausnahmen: Bei Lieferservice.at können Kunden damit ihr Essen bezahlen. Auf Myproduct.at lassen sich damit seit Juni regionale Produkte erwerben. Ab Oktober will es eine internationale Textilkette, die neu in die Shopping City Süd einzieht, damit versuchen. Und seit Juli kann bei der Post Bargeld in das Kunstgeld umgetauscht werden.

Es sei nur noch eine Frage von Monaten, bis Amazon aufspringt, glaubt Will. Der Handelsriese Walmart etwa bediene sich in China bereits der Blockchain-Technologie: Ein Pilotprojekt mache damit Transporte und Lieferungen von Lebensmitteln in Echtzeit nachverfolgbar. Auslöser war eine Sammelklage gegen den Konzern aufgrund von Käseprodukten, die mit Holzspänen verunreinigt waren. Andere große Händler agierten noch vorsichtig, "das Interesse daran ist aber groß".