Banken werden langsam aber sicher wie die Autoindustrie umgekrempelt

26.08.2017

Der Bitcoin krempelt die Finanzbranche um wie der Elektromotor die Autoindustrie, glaubt Philipp Sandner. Der Professor der Frankfurt School erklärt, welche Bank-Jobs überflüssig werden - und wo die Technik scheitert.

DüsseldorfDer Bitcoin ist da. Und er geht, aller Unkenrufe zum Trotz, so schnell nicht wieder weg. Die Finanzindustrie hat den Aufstieg des Bitcoin und der anderen Digitalwährungen so lange ignoriert, bis es nicht mehr ging. Mit Goldman Sachs hat nun die erste große Privatbank die Kryptowährungen als Thema entdeckt - und gleich eine Preisprognose veröffentlicht. Einer, der sich schon seit Jahren mit der Thematik beschäftigt, ist Philipp Sandner. Der Professor für Digitalwirtschaft und Betriebswirtschaftslehre leitet das im Februar 2017 gegründete Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management. Im Handelsblatt-Interview erklärt Sandner, warum Preisprognosen beim Bitcoin unseriös sind. Er stellt klar: Die digitalen Münzen werden die Finanzbranche umkrempeln - und Banker sollten besser heute als morgen Programmieren lernen.

Herr Professor Sandner, vor einem Jahr kostete ein Bitcoin 500 Euro. Heute liegt er bei 3.750 Euro. Wie viel ist ein Bitcoin in zehn Jahren Wert?
Auch wenn viel darüber spekuliert wird: Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, den Bitcoin-Preis vorherzusagen. Der Bitcoin zählt zu einer ganz neuen Kategorie von Finanzprodukten. Valide Bewertungsverfahren gibt es schlicht noch nicht. Das macht es ja auch so schwierig für Regulierungsbehörden, aber auch für Banken und Analysten, mit dem Bitcoin umzugehen. Meist behilft man sich mit Analogien.

Manche Leute sagen, der Bitcoin ist eine neue digitale Weltwährung, ein Zahlungssystem. Andere sehen in ihm eine Fintech-Firma, eine Art Finanz-Start-up. Wieder andere bezeichnen ihn als eine Art Rohstoff, wie etwa Gold. Je nachdem mit welcher Analogie man startet, landet man in zehn Jahren bei einem Wert zwischen null und 100.000 Euro. Da ist alles dabei, was natürlich auch an dem aktuellen Hype liegt. Mag sein, dass die Kursblase platzt - dass der Bitcoin wieder verschwindet, glaube ich aber persönlich nicht. Das Thema Kryptowährung und Blockchain...

Philipp Sandner

Leitet das im Februar 2017 gegründete Blockchain

Center der Frankfurt School of Finance and Management.

Die Technik, auf der die digitalen Währungen basieren, eine verteilte, transparente Datenbank

... ist in der Welt. Das Thema wird weiter wachsen, und es wird die Geschäftsprozesse fast aller Branchen und die Art, wie wir mit Finanzen umgehen, verändern.

Ist das nicht ein wenig zu hoch gegriffen? Eine Zentralbank, die für die Stabilität der Währung garantieren würde, gibt es nicht. Regelmäßig machen Berichte über Spaltungen und Streit in der Kryptowährungs-Community die Runde. All das wirkt auf Anleger eher abschreckend.
Es stimmt schon, das Thema wirkt auf Außenstehende obskur. Die Kryptowährungen zu durchdringen, ist schwieriger, als den Immobilienmarkt zu verstehen. Häuser kann man anfassen, der Bitcoin ist ein immaterielles Gut, das für die Menschen schwer zu greifen ist. Die Folge ist erst einmal Desinteresse, und daher braucht eine Innovation wie die Bitcoin-Technologie acht bis neun Jahre Zeit, bis sie so langsam in den Köpfen angekommen ist.

Der Bitcoin ist nur digital und virtuell. Wie können Kryptowährungen dann überhaupt einen inhärenten Wert haben, Dollar, Euro und Gold ersetzen?
Zunächst einmal: Das Wort Kryptowährung hat sich etabliert, aber es führt eigentlich in die falsche Richtung. In meinen Augen gibt es zwar Währungsansätze im Krypto-Bereich, aber beim Bitcoin trifft der Vergleich mit einem Rohstoff wie Gold besser die Realität. Schon allein, weil Gold auch knapp ist. Der Bitcoin ist eher digitales Gold als eine Art digitaler Dollar. Daher können ,Krypto Assets', wie man die digitalen Währungen eigentlich nennen sollte, tatsächlich einen inhärenten Wert aufweisen. Denn: Alles, was knapp ist, kann einen Wert haben. Eigentlich ist ja Gold auch nichts anderes als ein glänzender Stein. Wir Menschen sind nur seit Jahrtausenden so sozialisiert, dass uns dieser Stein wertvoll erscheint. Und auch beim Bitcoin haben wir ein knappes Gut. Seine Anzahl ist aufgrund seiner Programmierung auf 21 Millionen Stück begrenzt. So lange genug Leute an dieses System glauben, investieren sie und hoffen auf künftige Wertsteigerungen.

Die nackte Lust an der Spekulation treibt also den Wert?
Nicht nur. Lange war der Bitcoin nur Insidern bekannt, nun wird er populär, weil er handfeste Vorteile hat. Der Bitcoin macht gerade internationale Zahlungen schneller und günstiger. Hinzu kommt, dass er sich in den letzten neun Jahren substanziell kaum verändert hat. Er funktioniert recht einfach.

quelle Handelsblatt